Mit einem neuen Verfahren gegen die Periimplantitis

16. November 2018

Quelle: DZW Orale Implantologie 4/18

Auf der EuroPerio 9 in Amsterdam hat Nobel Biocare die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Unternehmen GalvoSurge und ein neues Verfahren zur effizienten Dekontamination von Implantatoberflächen annonciert. Menge und Zusammensetzung des Biofilms sind eine der Ursachen von Periimplantitis – die Ankündigung klingt nun so, als ob Implantologen in diesem Punkt endlich aufatmen können. Ist das so? An Entwicklung und Erprobung der Methode beteiligt ist PD Dr. Dr. Markus Schlee, der diese im Interview mit DZW-Redakteurin Katrin Ahmerkamp erläutert.

Herr Dr. Schlee, wie funktioniert das neue Verfahren?

PD Dr. Dr. Markus Schlee

PD Dr. Dr. Markus Schlee: GalvoSurge wirkt von innen nach außen direkt auf der Titanoberfläche unter dem Biofilm. Bei GalvoSurge wird der Biofilm also nicht mechanisch von außen abgetragen, sondern das Implantat wird über einen Connector negativ aufgeladen, über einen Duschkopf wird die Implantatoberfläche mit einer Salzlösung besprüht. Positiv geladene Natriumionen penetrieren den Biofilm und erreichen die Titanoberfläche in Millisekunden. In diesem Prozess entstehen in der Lösung durch Wasserelektrolyse H+Ionen, die den Biofilm ebenfalls penetrieren, sich ein Elektron an der Oberfläche holen und dann in Form von Wasserstoff abgeraucht werden. Die Wasserstoffbläschen drücken den Biofilm weg und reinigen dadurch die Oberfläche des Implantats. Wir konnten in unseren In-vitro-Tests zeigen, dass kaum Bakterien überleben, sodass Re-Osseointegration im Tierversuch möglich war, zum Teil sogar über die Implantatschulter hinaus. Das Verfahren erfordert zwar eine Lappenoperation, ist aber selbst atraumatisch, für den Patienten schmerzfrei und nachhaltig wirkungsvoll. Ein weiteres Plus: GalvoSurge erzeugt eine hydrophile Oberfläche, welche die Osseointegration des Implantats fördert.

Was sind die Vorteile des Systems, verglichen mit anderen Methoden?

Schlee: Bisherige Methoden, um Periimplantitis zu therapieren, wie die Anwendung von Pulverstrahlgeräten, Cotton Pellets und NaCl, Titanbürsten, Laserbehandlung oder das Polieren der Oberfläche, liefern äußerst ernüchternde Ergebnisse, denn damit gelingt es nicht, den Biofilm in einer Qualität zu entfernen, die Re-Osseointegration und Langzeitstabilität der befallenen Implantate ermöglicht. Mit den genannten Maßnahmen lässt sich nur die Keimmenge reduzieren. Zwar kommt der Knochen manchmal zurück, wächst aber meistens nicht an, sondern es bildet sich eine Tasche zwischen Implantat und Knochen und es kann wieder zu einer Infektion kommen – das zeigen uns die wissenschaftlichen Daten. Deshalb haben wir nach einem anderen Therapieansatz gesucht.

Eignet sich das Verfahren für Titan und Keramik? Für alle Oberflächen?

Schlee: Mit dem GalvoSurge-Verfahren können alle elektrisch leitenden Oberflächen gereinigt werden, allerdings funktioniert das System derzeit nur mit Titanimplantaten. Wir arbeiten jedoch bereits an einer Lösung für Keramikimplantate – erste Patentanmeldungen sind diesbezüglich erfolgt. Ein uns wichtiger Aspekt: Nobel Biocare ist exklusiver Kooperationspartner für Distribution, Training und Marketing. Dennoch ist das Verfahren geeignet und offen für alle Implantatsysteme und Oberflächen und ist nicht auf Nobel-Biocare-Implantate beschränkt.

Welche Limitationen hat das Verfahren?

Schlee: Eine bakterielle Besiedelung einer nicht von Knochen bedeckten Implantatoberfläche beginnt unmittelbar nach dessen Insertion oder eben nach deren Reinigung. Langzeiterfolg kann also nur erzielt werden, wenn eine Re-Osseointegration erreicht werden kann. Der knöcherne Defekt muss also re-augmentiert werden. Damit sind auch schon die Limits dieser Technologie beschrieben – Defekte, die nicht augmentierbar sind, sind auch mit GalvoSurge langfristig schwer zu behandeln.

Können Sie kurz die Entwicklung skizzieren?

Schlee: Galvano-elektrische Reinigung wird in der Industrie bereits angewendet. Frustriert vom ungenügenden Zugang von Makro- und Mikrostrukturen der Implantatoberflächen in kraterförmigen Knochendefekten waren wir uns sehr sicher, mit dieser Methode ein praktikables Verfahren entwickeln zu können. Es dauerte dann aber sieben Jahre, bis wir an dem Entwicklungsstand von heute angekommen waren. Viele durchgearbeitete Nächte und Wochenenden waren nötig.

Foto: GalvoSurge

Wenn ich als Anwender überzeugt bin und das Verfahren in meiner Praxis anbieten möchte: Was benötige ich?

Schlee: Das System besteht aus einer Kontrolleinheit von etwa der Größe einer kleinen Chirurgieeinheit, einem Schlauchsystem mit einem Implantatconnector, der Reinigungsflüssigkeit aus einer gepufferten Natriumformiatlösung und einem Einweg-Aufsteckschwämmchen. Damit bringen wir sowohl die Reinigungslösung als auch die elektrische Spannung sanft, aber direkt an das Implantat.

 

 

Wie aufwendig ist die Anwendung? Wie lange dauert die einzelne Reinigung, wie oft muss sie wiederholt werden? 

Schlee: Das ist ein für die tägliche Praxis ganz wichtiger Aspekt: Mit zwei Minuten pro Implantat ist die Dauer absolut vertretbar und ebenso praxis- wie patiententauglich. Das Verfahren an sich ist also recht einfach in der Anwendung. Anspruchsvoll bleibt hingegen der chirurgische Teil, denn dazu braucht es Erfahrung im Umgang mit Augmentationstechniken und -materialien sowie dem Legen von Membranen. Man muss in der Lage sein, Lappen zu mobilisieren und einen sicheren Wundverschluss durchzuführen. Dies sind entscheidende Faktoren, die zum Erfolg der Periimplantitistherapie mit GalvoSurge beitragen. Ziel ist es, mit einer Operation das Problem zu lösen.

Wie ist der Zeitplan für die Markteinführung?

Schlee: Wir haben alle präklinischen Phasen – in-vitro- und präklinische Studien – durchlaufen. Es fehlen nun noch die Daten der klinischen monozentrischen Studie. Inzwischen läuft diese Studie, und die ersten sechs Fälle wurden erfolgreich operiert. Wir sind zuversichtlich, dass das Verfahren 2019 auch in den Praxen verfügbar sein wird.

Quelle: DZW Orale Implantologie 4/18

Im NewsBlog Beitrag von letzter Woche können Sie GalvoSurge in Aktion sehen. Außerdem erklärt PD Dr. Dr. Markus Schlee im Video die Wirkweise und Vorteile des Verfahrens. Klicken Sie sich rein!

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