2. Nobel Biocare Gipfeltreffen in Weggis

Der Patient im Mittelpunkt – Gemeinsam Wege gehen

Am 23./24. Juni fand in Weggis am Vierwaldstättersee das 2. Schweizer Gipfeltreffen von Nobel Biocare statt. Unter dem Motto «Der Patient im Mittelpunkt – Gemeinsam Wege gehen» wurden interessante Vorträge renommierter Referenten geboten. Verschiedene Wege wurden präsentiert, die dem Patienten eine optimale Behandlung bieten und die Lebensqualität erhöhen.

Besuchen Sie auch das 7. Nobel Biocare Ostseesymposium in Rostock-Warnemünde (29.09.2017 – 30.09.2017).

zum Programm

Nach der Begrüssung der knapp 100 Anwesenden durch Melker Nilsson und Erik Küper übernahm der Moderator Prof. Dr. Joannis Katsoulis  das Mikrophon und leitete gleich über zum ersten Referenten: Dipl.-Psychologe Martin Simmel  (D-Regensburg) präsentierte die Ergebnisse aus der Patientenstudie «Wir verstehen Patienten». Elf Zahnarztpraxen aus der Region D-A-CH beteiligten sich im Frühjahr 2017 an der Untersuchung, die die Beweggründe und Bedürfnisse von Patienten in Bezug auf das All-on-4 Behandlungskonzept durchleuchtete. 51 Fragebögen gingen in die Auswertung ein. Im Ergebnis zeigte sich, dass die PatientInnen mit der All-on-4 Behandlung sehr zufrieden sind: 94 % der beteiligten PatientInnen beurteilten ihre Erwartungen an die Therapie als erfüllt. Fast die Hälfte sagte, dass die Behandlung ihre Erwartungen sogar übertroffen hätte. Lediglich eine der befragten Personen befand ihre Erwartungen als nicht erfüllt. Allerdings war die Behandlung zum Zeitpunkt der Umfrage noch nicht abgeschlossen. Bei den Erwartungen an den Zahnersatz standen Funktionalität, Lebensdauer und Optik im Vordergrund. Es wurde mehrfach betont, dass ein natürliches Ergebnis gewünscht wird. Der Zahnersatz soll nicht als solcher erkennbar sein.

Eine Entscheidung für die All-on-4 Behandlung begründet sich für die Mehrheit der Patienten auf dem Bedürfnis, über festsitzende Zähne zu verfügen. Sowohl die dauerhafte Lösung als auch die Durchführung der Operation an einem Tag sind massgebend. Die Untersuchung bestätigte, dass das Behandlungskonzept all diesen Bedürfnissen hervorragend entgegenkommt.

Erfahrungen aus der Praxis

Dr. Roland Glauser  (Zürich) sprach über seine positiven Praxiserfahrungen mit dem On1 Versorgungskonzept, das die Prothetikplattform von Knochen- auf Weichgewebsniveau verlagert. Die On1 Basis ist in zwei verschiedenen Höhen verfügbar und kann je nach Stärke des Weichgewebes gewählt werden. Sie bleibt beim Einsetzen von Heilkappe, provisorischer Versorgung, Abformpfosten und endgültiger Versorgung in Position. Das Weichgewebe bleibt ungestört und kann optimal verheilen. Das Konzept kann verwendet werden mit: NobelActive, NobelParallel und NobelReplace. Der gesamte Ablauf ist simpel mit wenig Komponenten. Mit dem On1 Provisorischen Abutment kann am Tag des Eingriffs eine verschraubte provisorische Versorgung eingesetzt werden. Je nach Indikation oder persönlicher Präferenz wird eine zementierte oder verschraubte endgültige Versorgung gewählt.

Knochenregeneration

Als nächstes referierten Dr. Sebastian Horvath  (D-Jestetten) und Dr. Flavio Brunner  (Luzern) gemeinsam über Behandlungskonzepte zur Knochenregeneration. Patienten legen laut einer aktuellen Studie Wert darauf, dass eine Implantatbehandlung vorhersagbar ist und eine festsitzende Versorgung realisiert wird. Kosten und Zeit sind wichtige Faktoren. Lediglich ein Prozent der Befragten wünscht sich den Verzicht auf eine Augmentation. Anhand von Fallbeispielen wurde deutlich, wie wichtig eine geführte Knochenregeneration ist. Laut Literatur soll eine Augmentation erfolgen, wenn die Lücke ≥  2 mm ist. Der zu regenerierende Spalt wird verkleinert, die Migration osteogener Zellen und eine Knochenbildung in von knöchernen Wänden entfernten Abschnitten begünstigt. Das bovine Knochenersatzmaterial creos xenogain hat ein ähnliches Verhältnis von Kalzium und Phosphat wie der menschliche Knochen und bietet eine lange Stabilität. Mikroporen unterstützen die Aufnahme von Flüssigkeit. Die resorbierbare porcine Kollagenmembran creos xenoprotect weist eine hohe mechanische Festigkeit auf. Das xenogene Material hat ebenfalls Eigenschaften nahe am menschlichen Knochen. «Die geführte Knochenregeneration ist ein wichtiger Bestandteil der modernen Implantologie», so die Referenten abschliessend.

Über Grenzfälle in der Sofortimplantation und neueste Erkenntnisse sprach Univ. Prof. DDr. Gabor Tepper  aus Wien. Die Frage «Was haben wir gelernt…?» zog sich durch den lebhaften Vortrag. «Die Sofortimplantation ist inzwischen evidence based – und ist gekommen, um zu bleiben», so Tepper. Egal ob bei apikaler Infektion, unbehandelter Parodontitis, Periimplantitis und in der ästhetischen Zone, Prof. Tepper konnte für alle Indikationen erfolgreich gelöste Patientenfälle präsentieren und glaubhaft machen, dass er in der Regel ohne eine Spaltauffüllung mit einem Knochenersatzmaterial auskommt. Aus Patientensicht stellt die Sofortimplantation einen simplen, schnellen und schmerzarmen Eingriff dar. Minimalinvasiv – möglichst ohne Augmentation – bekommt der Patient sofort einen Ersatz in Form eines fixen Provisoriums. Und da sich Patienten heute vermehrt verschiedene Meinungen einholen, falle die Entscheidung oft für den Behandler, der ohne Augmentation auskomme. Die häufigsten Fehler bei der Sofortimplantation: Das Implantat wird zu weit bukkal gesetzt und ein zu grosser Implantatdurchmesser gewählt.

Periimplantitis vermeiden

Dr. Sven Mühlemann  (Universität Zürich) sprach darüber, wie eine Periimplantatis vermieden, erkannt und behandelt werden kann. Eine Patientenselektion ist wichtig, um Behandlungsalternativen abzuwägen. Viele lokale Faktoren bestimmen den Erfolg einer Implantation und müssen berücksichtigt werden: korrekte Implantatposition, Verwendung von Originalteilen, Hygienefähigkeit, Retentionsmodus sowie die Mucosa-Qualität. Nach wie vor gibt es keine Standardtherapie. Eine chirurgische Therapie gilt als voraussagbare Methode, die gute Resultate zeigt. Die Laser-Therapie der exponierten Oberfläche zeigt hingegen keine verbesserten Resultate.

Fehler vermeiden

«Was hat meine Praxis mit der Sicherheitsstrategie der Luftfahrtsindustrie zu tun?»– diese Frage konnte Experte Manfred Müller  beantworten. Der Leiter der Flugsicherheitsforschung und Flugkapitän der Lufthansa erklärte, warum Dinge überhaupt schief gehen. Meist sind Zeitdruck und eine schlechte Planung verantwortlich. «Auch der Beste macht alle 30 Minuten einen Fehler», so Müller. «Und wenn der Stressfaktor steigt, erhöht sich die Fehlerwahrscheinlichkeit rasant. «Wir sind jedoch alle sehr schlecht darin, Fehler einzugestehen und Schwächen zuzugeben. Denn Fehler sind verboten und werden bestraft. Aber Null-Fehler gibt es nicht», so Müller. 80 % aller «Human Errors» in komplexen Situationen können durch optimale soziale Interaktion im Team entschärft oder vermieden werden.

Besser behandeln

Im vergangenen Jahr wurde auf dem Nobel Biocare Global Symposium in New York erstmals das neue Trefoil™-Konzept vorgestellt. Prof. Massimo Albanese (I-Verona) betreut eines der fünf Study Center und stellte fundiert das Behandlungskonzept für den zahnlosen Unterkiefer vor. Mit einem standardisierten und geführten Bohrprotokoll werden drei Implantate intraforaminal in den Unterkiefer gesetzt. Der präfabrizierte Trefoil™ Steg wird durch seinen Kompensationsmechanismus passiv auf die Implantate gesetzt. Dies ermöglicht eine definitive Versorgung innerhalb eines Tages. Die Einführung in den deutschsprachigen Markt wird im Jahre 2018 erwartet.

Programm am Samstag

Nach einem entspannten Barbecue-Abend und intensiven Gesprächen auf der Hotelterrasse trafen sich die Teilnehmer am Samstag zu weiteren Vorträgen. Den Auftakt machte Prof. Dr. Joannis Katsoulis  (Bern). Sein Thema: Workflow und Präzision in der (pilot-)geführten Implantologie. Er erläuterte die verschiedenen Workflows bei Zahnlosen und Teilbezahnten. Gemäss des Kongressmottos standen die Vorteile aus Patientensicht im Fokus. Ein Patient will keine Implantate, sondern schöne Zähne. Durch Visualisierung wird das Verständnis für den Eingriff vereinfacht und die Entscheidung erleichert. Minimale Invasivität und maximale Effektivität, verkürzte Dauer, hohe Voraussagbarkeit und Präzision sind heute wichtig. Das Thema «All-on-4» durfte selbstverständlich nicht fehlen.  PD DDr. Dennis Rohner aus Aarau ging in seinem klinischen Vortrag der provokativen Frage nach, ob es sich um den Patientenwunsch oder eine Marketingstrategie handelt. All-on-4 ist attraktiv, weil die Lösung für zahnlose (und bezahnte) Patienten eine sehr effiziente Behandlung bietet. Eine Augmentation ist nicht nötig, gute Ästhetik, Funktion und Hygienefähigkeit werden hingegen geboten. Das Behandlungsprotokoll ist einfach, klar und kostengünstiger als Standard-Implantatlösungen. Gemäss Rohner handelt es sich um ein gutes Konzept, das für eine erweiterte Patientengruppe bei korrekter Indikationsstellung eine optimale Behandlungslösung darstellt. Dem Patientenwunsch nach festen Zähnen in einem Tag kann entsprochen werden.

Full-Arch Brücke

Last but not least bot das gut eingespielte Team aus Wien mit Prim. Dr. Rudolf Fürhauser und ZT Klaus Prandtner einen inspirierenden Workshop zur Full-Arch Brücke. Patienten fürchten nach einer Behandlung nicht mehr so auszusehen wie zuvor. Ästhetik ist gleichzusetzen mit der Identität des Patienten im Sinne von Selbstwertgefühl. Somit kann eine Behandlung nur erfolgreich sein, wenn die Ausgangssituation des Patienten dokumentiert wird und Änderungen der Ästhetik gemeinsam mit dem Patienten vollzogen werden. Weiter gilt eine optimale Phonetik als Voraussetzung der Kommunikationsfähigkeit. Zentral ist hier der S-Laut, dessen klinische Überprüfung und Konsequenz bei der Gestaltung des Zahnersatzes ausführlich besprochen wurde.

Alles in allem eine gelungene Veranstaltung in Weggis. Tolle Location, interessantes Programm, gute Gespräche. Was will man mehr?!

Quelle: Zahn-Zeitung Schweiz, Nr. 7-8/2017
www.zahnzeitung.ch